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Lieder >> Gedichte

Handwerksbursche und Gendarm

Nichts hasst sich auf dem Erdenrund
Wohl gründlicher, als Katz und Hund
Zwei Hähne in einem Hühnerschwarm
Und Handwerksbursche und Gendarm.

Die Sonne steht schon im Zenith.
Die Bauern kehren matt und müd
Von Feld und Wiesen, Berg und Tal
In Scharen heim zum Mittagsmahl.

Da - sieh: mit stolzerfüllter Brust
In hohen Pflichten sich bewusst
Auch polizeilich wohl gewitzt
Kommt ein Gendarm herangeflitzt

Indes auf einem Seitenpfad
Sich scheu ein Handwerksbursche naht.
Er lechzt die Lipp´, es knurrt der Magen
Drum will er hier im Dorf es wagen

Ob nicht vielleicht in einem Bauernhaus
Ein Rest ihm wird vom Mittagsschmaus.
Er bettelt flott von Tür zu Tor,
Spricht um ein Mittagessen vor. -

Bald hat er sich am Mittagessen
Recht nach Gelüsten satt gegessen.
Doch so ein Stück vom Rind und Schwein
Gebraten und gekocht ganz fein

Das hat er nicht an allen Tagen;
Drum will er's schnell noch einmal wagen.
So geht er weiter, klopft und ficht
Um ein bescheidenes Gericht:

,,Erbarmet Euch, Ihr lieben Leut´,
Ein armer Handwerksbursch  hat heut´
Sowie vor dreien Tagen
Kein´ warmen Löffel mehr im Magen!"

Und schon im nächsten Bauernhaus
Reicht man ihm eine Schüssel raus,
Mit gutem Ton und milder Hand
Aber - mit Kohl gefüllt bis an den Rand.

Und nichts als Kohl. Es wird ihm enge
Sein Magen, als er sieht die Menge.
Er hält die Schüssel in den Händen
Und sinnt, ob dem nicht abzuwenden:

,,0, rettet mich von dieser Not!
Wer hilft mir von dem Mittagbrot?"
Da plötzlich - hält ihn an dem Arm
Ganz unerwartet der Gendarm.

Und dann schallt es an seinem Ohr:
„He, Bursche, die Papiere vor!" -
Zu aller Not kann das noch fehlen!
Woher sie nehmen, wenn nicht stehlen?

Papiere hat er nicht. Und doch -
Hat er sie nicht, muss er ins Loch.
Jedoch: ein Handwerksbursch so leicht
Bei der Gefahr noch nicht erbleicht.

Er spricht darum gefasst und ruhig:
,,Gleich, Herr Gendarm. Jedoch - was tu ich?
Ich bitt´ Euch um die Freundlichkeit,
Die Schüssel eine kurze Zeit,

Nur einen Augenblick zu halten
Dass ich die Pässe kann entfalten!"
So halst er ihm die Schüssel auf.
Und dann -- in pfeilgeschwindem Lauf
Geht's über Felder, Hof und Haus
Fort in den dichten Wald hinaus --

Und der Gendarm, mit beiden Händen
Die Schüssel haltend, kann's nicht wenden.
Er steht wie eine Säule da,
Nicht wissend, wie ihm das geschah.

Der Handwerksbursch zieht munter seine Strassen,
Sich freuend über alle Massen.
Aus beiden Nöten so befreit
Bringt er ein Hoch der Obrigkeit.

von einem Kunden
mitgeteilt von Bernhard Müller
aus: " Landstrasse, Kunden, Vagabunden "


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Alle Rechte vorbehalten.

Publiziert am 06.06.2007 (654 mal gelesen)


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