Der aktuelle Niedergang der deutschen Sozialdemokratie wird von der Presse als einzigartig dargestellt, dabei gab es einen Zeitpunkt in unserer Geschichte, an dem die SPD noch mehr abgestürzt ist als bei dieser Bundestagswahl: nach dem Kapp-Putsch 1920 und dem Verrat an der deutschen Revolution von 1918/1919, die eine sozialdemokratische Revolution war.
Damals, im Januar 1919, hatte die SPD 37,9 % der Stimmen erhalten, die hungrige und kriegsmüde deutsche Bevölkerung vertraute Friedrich Ebert und seiner Regierung. Sowie nach 13 Jahren Helmut Kohl ein grosser Teil der deutschen Bevölkerung der Schröder-Regierung vertraute. Damals wie heute machte die SPD aber die Politik ihrer Gegner: Innerhalb von anderthalb Jahren verlor die SPD fast die Hälfte ihrer Wähler und hatte im Juni 1920 nur noch 21,7 % der Stimmen.
Der bedeutende Historiker Sebastian Haffner schrieb über die Ebert-Regierung:
Der sozialdemokratische Parteiveteran und Parteihistoriker Franz Mehring sagte im Januar 1919, kurz ehe er an gebrochenem Herzen starb: «Tiefer ist noch keine Regierung gesunken.» Und Gustav Landauer, nicht lange vor seinem Tode unter den Händen genauer: unter den Stiefeln der Freikorpssoldaten Noskes: «In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei.»
Es macht Ebert und Noske nicht sympathischer, dass sie keine Schurken großen Formats waren, sondern Biedermänner. Das Monströse ihrer historischen Tat findet keine Entsprechung in ihrem privaten Charakter. Wenn man nach ihren Motiven sucht, findet man nichts Dämonisches oder Satanisch Großartiges, nur Banales: Ordnungsliebe und kleinbürgerliches Strebertum. Dass sie die Unordnung, die nun einmal mit jeder Revolution verbunden ist, ehrlich verabscheuten und mit beinahe panischer Angst fürchteten, kann man ihnen ohne weiteres glauben, auch wenn sie merkwürdigerweise keine solche Furcht vor der ebenso großen und blutigeren Unordnung der Gegenrevolution hatten. Tiefer aber noch als die Ordnungspanik saß wohl in ihnen der Stolz des Kleinbürgers, der sich plötzlich zur großen Welt zugelassen mehr noch, von der großen Welt zu Hilfe gerufen sieht.
Der Kollektivheld dieser Revolution, die deutsche Arbeiterschaft, hat sich von dem Nackenschlag, der ihr damals versetzt wurde, nie erholt. Die sozialistische Einigkeit, für die sie so tapfer kämpfte und blutete, ist 1918 für immer verloren worden. Von dem großen Verrat datiert das große Schisma des Sozialismus und der unauslöschliche Hass zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten ein Hass wie zwischen Wölfen und Hunden. (Ein Hund ist bekanntlich ein ehemaliger Wolf, den der Mensch für seine Zwecke gezähmt hat. Die Sozialdemokratie ist eine ehemalige Arbeiterpartei, die der Kapitalismus für seine Zwecke gezähmt hat.) Dieselben Arbeiter, die sich 1918 und auch noch 1919 und 1920 so tapfer und glücklos geschlagen hatten, fanden ihren Kampfgeist gebrochen, als sie ihn fünfzehn Jahre später noch einmal gebraucht hätten gegen Hitler. Und ihre Söhne waren 1945 nicht mehr imstande, die Tat ihrer Väter von 1918 zu wiederholen. Ihre Enkel von heute wissen nicht einmal mehr von ihr. Die revolutionäre Tradition der deutschen Arbeiterschaft ist erloschen.
Und auch das deutsche Volk als Ganzes, einschließlich seiner bürgerlichen Schichten, die damals das Scheitern der Revolution mit begreiflicher Erleichterung und Schadenfreude begrüßten, hat für dieses Scheitern teuer bezahlen müssen: mit dem Dritten Reich, mit der Wiederholung des Weltkrieges, mit der zweiten und schwereren Niederlage und mit dem Verlust seiner nationalen Einheit und Souveränität. Alles das war in der Gegenrevolution, die die sozialdemokratischen Führer auslösten, schon keimhaft enthalten. Vor alledem hätte ein Sieg der deutschen Revolution Deutschland bewahren können.
Noch heute gibt es viele EbertDeutsche, die jede Revolution «hassen wie die Sünde»; noch heute gibt es viele, die die Revolution von 1918 verleugnen wie einen Schandfleck der nationalen Geschichte. Aber die Revolution ist kein Schandfleck. Sie war besonders nach vier Jahren Hunger und Ausblutung eine Ruhmestat. Ein Schandfleck ist der Verrat, der an ihr verübt wurde.
Alle Völker, die eine große Revolution durchgestanden haben, blicken mit Stolz auf sie zurück; und jede siegreiche Revolution hat das Volk, das sie zustande brachte, für eine Weile groß gemacht: Holland und England im siebzehnten Jahrhundert ebenso wie Amerika und Frankreich im achtzehnten und neunzehnten und Russland und China im zwanzigsten. Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen.
Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.
Sebastian Haffner, nachzulesen unter: http://www.revoluzzen.de/kapp-putsch-13.html
Lieder und Texte zu diesem Kapitel deutscher Geschichte auf unserer mit dem deutschen Schallplattenpreis ausgezeichneten CD "1920 - Lieder der Märzrevolution"
http://www.amazon.de/dp/B000EHRAM0/ref=nosim?tag=chansoundkind-21
Im März 2010 werden die Grenzgänger gemeinsam mit Frank Baier wieder mit dem Programm zur CD unterwegs sein. Termine unter www.folksong.de