In Bremen werden immer mehr Frauen und Jugendliche obdachlos. Experten vermuten einen Zusammenhang mit Hartz IV. Die Journalistikstudentin Tina Groll hat den Studenten Benjamin Wöhler bei einem Selbstversuch begleitet: Wie fühlt es sich an, obdachlos zu sein?
Die Abschlussarbeit im Fernsehseminar stand uns bevor. Das war Anfang Januar. Hartz IV hatte gerade begonnen, es war kalt und grau und unsere Fernsehsendung sollte "Eiskanal" heíßen. Kälte-Themen waren also gefragt. Die Idee, einen Selbstversuch zu drehen, in denen einer von uns den oder die Obdachlose spielen sollte, kam uns sehr schnell. Nur: Wer sollte die Versuchsperson sein? Unser Team bestand aus vier Studenten.
Um den Job hat sich niemand gerissen.
Kommilitone Henning Kühnert sollte den Kameramann geben, unsere brasilianische Austauschstudentin Clara Fagundes winkte beim Gedanken, die Obdachlose zu spielen, gleich dankend ab. So blieben nur Benjamin Wöhler und ich, Tina Groll. Mir war gleich sehr schnell klar, dass ich nicht die obdachlose Frau sein wollte. Es war viel zu gefährlich! Und unrealistisch.
Warum ein weiblicher Hauptdarsteller ausschied
Nur wenige Frauen leben tatsächlich auf der Straße, noch dazu im Winter. Junge Frauen sind auf der Straße sowieso nur selten zu finden. In vielen Fällen prostituieren sich sich oder leben bei irgendwelchen Männern. Und Frauen begeben sich viel eher in Hilfseinrichtungen, wie dem Bremer Frauenwohnangebot "Frauenzimmer". Außerdem: Frauen steigen selten so tief ab, wie es bei Männern der Fall ist. Meist sind Frauen so sozialisiert, dass sie sich mehr um sich kümmern können und eher Hilfe aufsuchen, bevor sie gänzlich am Ende sind. Schließlich: Auf der Straße sind Frauen ganz extrem von sexuellen Übergriffen bedroht. Das Team sah es genau so - eine Frau konnte nicht die Versuchsperson sein. Und damit zog Benjamin das harte Los.
Eine harte Nacht für Benjamin Wöhler
Welche Eindrücke er an diesem einen Tag und dieser einen Nacht sammelte und wie Experten das zunehmende Risiko der Obdachlosigkeit (auch für Frauen) einschätzen, lesen Sie hier:
"Gestern hatte ich noch eine Wohnung, ein Bett, genug zu essen und etwas Geld. Heute habe ich die Strasse, eine Plastiktüte mit einer Decke, die Suppenküche und leere Taschen. Gestern war ich noch Student, heute bin ich einer der schätzungsweise 300 Obdachlosen in Bremen. Immer mehr von ihnen sind, wie ich, noch nicht einmal 25 Jahre alt. Allerdings muss ich nur einen Tag auf der Strasse verbringen. Um wirklich zu verstehen, was es heißt obdachlos, ein Penner, zu sein, werde ich selbst einer. Einen Tag und eine Nacht sind die Strassen Bremens mein Zuhause.
In einer zerfetzten, viel zu dünnen Hose, einem dreckigen Kapuzenpullover, unrasiert und ungewaschen, mache ich mich auf den Weg. Mein erstes Ziel: der Bahnhofsvorplatz. Eine Zigarette und etwas Kleingeld wären jetzt nicht schlecht. Die Hemmungen, Fremde anzuschnorren, sind schnell überwunden. Die häufigste Reaktion ist allerdings ein Kopfschütteln. Immerhin: Nach einer Stunde in der Kälte habe ich zwei Euro und eine Zigarette in der Tasche.
Doch ich bin nicht der Einzige, der hier sein Glück versucht. Ein paar Meter entfernt kauert ein etwa Gleichaltriger auf einem Stück Karton. Vor ihm ein Becher, darin ein paar Cent. Ich setze mich kurz zu ihm und frage nach seinen Erfahrungen auf der Strasse. Während er seine Kapuze aufsetzt, sagt er: „Wenn die Sonne scheint, geben dir die Leute eher was als wenn es regnet.“ Und genau das ist der Fall: Es regnet. Und es stürmt. In meiner dünnen, zerlöcherten Hose bin ich mittlerweile total durchgefroren.
Der Schnorrer gibt mir den Tipp, die Kleiderkammer im Haus der Diakonie zu besuchen. Eine von vielen Einrichtungen für Bedürftige in Bremen. Hier bekomme ich warme, saubere Kleidung. Aber leider gibt es hier nichts zu essen. Die Mitarbeiter raten mir, zum Bremer Treff zu gehen.
Der Weg dorthin führt quer durch die Innenstadt. Erst jetzt bemerke ich, wie viele Obdachlose täglich in Bremen unterwegs sind, - und dass viele von ihnen noch nicht mal 25 Jahre alt sind. Schon nach einem halben Tag auf der Strasse kann ich mir vorstellen, wie sie sich fühlen müssen. Ausgeschlossen, nicht erwünscht, nutzlos für die Gesellschaft.
Wenigstens im Bremer Treff bin ich willkommen. Hier komme ich für kurze Zeit zur Ruhe. Denn seit heute morgen bin ich ununterbrochen unterwegs. Immer auf der Suche nach Dingen, die ich bisher für selbstverständlich hielt. Essen, Kleidung, Wärme. Die Stimmung im Bremer Treff erstaunt mich: Statt trauriger Gesichter entspannte Atmosphäre, die Gäste spielen Karten, unterhalten sich, trinken Kaffee und bekommen für wenig Geld eine warme Mahlzeit. Ich fühle mich gleich wohl hier, geborgen, fast wie Zuhause.
Aber schlafen kann ich hier nicht. Dafür muss ich zurück in die Kälte. An der Weser finde ich eine abgelegene Bank, auf der ich versuche, etwas zu schlafen. Nach etwa einer Stunde ist mir klar, dass ich die Nacht hier nicht verbringen kann. Ich denke kurz darüber nach, meinen Selbstversuch abzubrechen. Da fällt mir das Sozialzentrum Jakobushaus ein, die zentrale Anlaufstelle für Obdachlose. Das Papageienhaus, wie es auf der Strasse genannt wird, hat eine Übernachtungseinrichtung. Hier findet man kurzfristig für die Nacht ein Bett.
Am nächsten Morgen, im offenen Treff, bekomme ich einen Kaffee. Das Jakobushaus hat hier sogar einen Computer-Platz eingerichtet. An dem sitzen vor allem Jugendliche und surfen im Internet. Bertold Reetz, der Bereichsleiter des Sozialzentrums, erklärt: „In den vergangenen Monaten hat die Zahl der jungen Wohnungslosen unter 25 Jahren stark zugenommen.“ Er sieht einen Zusammenhang mit Hartz IV. Wer jung und noch rebellisch sei und mit den Ämtern nicht gut mitarbeite, dem würden schnell die Leistungen gesperrt. Zudem käme die verschärfte Situation auf dem Wohnungsmarkt. In Bremen würde der soziale Wohnungsbau nicht mehr gefördert.
Reetz fürchtet, dass in den kommenden Monaten noch mehr junge Menschen in Bremen obdachlos werden. Darunter auch viele Frauen. Gerade sie sind von Hartz IV betroffen. Cornelia Eybe, Sozialarbeiterin im Offenen Treff des Jakobushauses erklärt, dass Wohnungslosigkeit Frauen noch viel härter trifft. „Auf der Straße zu leben ist für sie sehr gefährlich!“ Darum zögen viele obdachlose Frauen es vor, bei brutalen Männern unterzukommen, Schläge und Missbrauch zu ertragen, als auf der Straße zu leben.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, erschöpft und aufgewühlt beende ich mein Experiment. Morgen bin ich wieder ein Student, habe eine Wohnung, ein Bett, genug zu essen und etwas Geld."
Tina Groll (24) und Benjamin Wöhler (24) studieren Fachjournalistik an der Hochschule Bremen. Den Selbstversuch führten sie zusammen mit zwei weiteren Kommilitonen schon im Januar 2005 für die Abschlussarbeit im Fernsehseminar durch. Für die Jugendseite „ZOOM“ des Weserkuriers haben sie den Selbstversuch noch einmal aufgeschrieben. Der Artikel erschien am 22. April 2005. Für gesche-online hatte Tina Groll den Text dann noch einmal umgeschrieben und uns diese Version freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
(http://www.tinagroll.de/)